Beitrag vom 25. August 2020

Vorwort zum Pfarrbrief September 2020

Liebe Gemeinde,
liebe Leserinnen und Leser dieses Pfarrbriefs!
Im Stich gelassen zu sein, ist ein Gefühl dieses Jahres. Die Menschen im Stich gelassen zu haben, ist auch ein Vorwurf gewesen, der im Frühsommer gegenüber den Kirchen erhoben wurde. Die Kirchen hätten in der Corona-Krise versagt. Dies sagte die ehemalige Ministerpräsidentin von Thüringen, Christine Lieberknecht.
Die Kirche habe in dieser Zeit hunderttausende Menschen alleingelassen, Kranke, Einsame, Alte, Sterbende, sagte Lieberknecht in der Zeitung „Die Welt“. „Da wurde kein Psalm gebetet, es gab keinen Trost, keine Aussegnung am Sterbebett,“ kritisierte die CDUPolitikerin und frühere evangelische Pfarrerin.
Die Kirchen ließen diese Vorwürfe nicht unbeantwortet. „Die pauschale Kritik von Frau Lieberknecht weise ich entschieden zurück“, sagte der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm. Und für die katholische Kirche meinte der Sprecher der Deutschen Bischofskonferenz, Matthias Kopp, das glatte Gegenteil sei richtig: „Unsere
Krankenhausseelsorger haben Unglaubliches geleistet, unsere Palliativbegleiter ebenfalls“. Auch er sagte: „Die Kritik von Frau Lieberknecht ist überhaupt nicht nachvollziehbar.“
Auch ich meine, dass die Kritik von Frau Lieberknecht nicht gerechtfertigt war. Dennoch hat sie vielleicht einen Schmerz zum Ausdruck gebracht, den etliche Menschen in diesem Jahr empfunden haben. Fehlende Besuchsmöglichkeiten in Krankenhäusern und Senioreneinrichtungen sind nur ein Beispiel dafür. Aus anderen Teilen der Welt gab es noch erschreckendere Nachrichten.
Für mich ist dann ein großer Trost: Auch in der Einsamkeit lebt der Mensch in der Gemeinschaft mit Gott. Wenn ich mich von Menschen im Stich gelassen fühle, darf ich darauf vertrauen, dass Gott mich nicht im Stich lässt. „Wenn mich auch Vater und Mutter verlassen, der HERR nimmt mich auf“, heißt es im Psalm 27. Und wenn ich Menschen im Stich lassen muss, weil Besuche nicht möglich sind oder Rücksichtnahme und Vorsicht Abstand empfehlen, darf ich darauf vertrauen, dass Gott bei den Menschen ist. Denn er ist immer mit den Menschen im Bunde und er ist die Verbindung zwischen Menschen, die getrennt sind – dauerhaft oder nur im Moment. Darauf vertraue ich.

Ihr
Th. Witzel, Pfarrer

Es grüßen ebenfalls herzlich
Rebecca Dechant                     Karin Seidl
Gemeindereferentin                  Pfarrsekretärin

Beitragsfoto: R.Schwarz