Beitrag vom 24. Mai 2018

Vorwort zum Monat Juni 2018

Liebe Gemeinde!
Auch wenn Sie nicht zur Zunft der „Klettermaxe“ gehören, können Sie vielleicht das Glücksgefühl eines Bergsteigers erahnen, wenn er den Gipfel erreicht hat: die Freude über die vollbrachte Leistung, ein Ausblick, der für alle Mühen entschädigt, die unvergleichliche Stille.
Jedoch sind es nicht diese Erfahrungen, welche die Menschen seit altersher veranlassten, Berggipfel mit Kreuzen zu schmücken. Motivierend war vielmehr das Gefühl, auf einem Gipfel dem Himmel, Gott näher zu sein. Gipfelerlebnisse als die Erfahrung von Gottes besonderer Nähe. Berge spielten in vielen Religionen eine wichtige Rolle, galten sie doch zum Beispiel als Wohnsitz der Götter. Mose empfing auf dem Berg Sinai die Zehn Gebote und Jesus hielt von einem Berg seine berühmteste Predigt. Die Verklärung auf dem Berg Tabor war ein ganz besonderes Gipfelerlebnis – die Erfahrung größtmöglicher Gottesnähe.
Auch Menschen brauchen Gipfelerlebnisse. Doch sie müssen dafür nicht mehr zu Gipfelstürmern werden. Unsere Gipfelerlebnisse sind an jedem Ort möglich. Gipfelerlebnisse heute, die Erfahrung von Gottes Nähe, das heißt Vergebung, Gemeinschaft, Gebet.
Doch diese Gipfelerlebnisse, das sind keine Ad-hoc-Momente, die gelingen nicht sofort. Um ein Gipfelkreuz zu erreichen, muss man sich auf den Weg machen. Vielleicht braucht man einen Bergführer, der einen durch schwieriges Gelände hilft. In aller Regel erreicht man ein Gipfelkreuz auch nicht im Alleingang. Man macht sich mit einer Seilschaft auf den Weg, einer Gruppe, in der einer dem anderen hilft und in der man sich aufeinander verlassen kann. Viele Gipfelerlebnisse sind nicht allein möglich. Vergebung und Gemeinschaft kann ich nur mit anderen Menschen erfahren.
Ich brauche religiöse Gipfelerlebnisse. Mag der Aufstieg auch noch so beschwerlich sein, erst am Gipfelkreuz erscheinen die vielen dunklen Stunden im Tal in einem anderen Licht. Näher am Himmel, näher an Gott, erscheint vieles, was mich im Tal zu erdrücken droht, nichtiger. Und ich brauche die religiösen Gipfelerlebnisse. Um meine Orientierung zu überprüfen. Der Gefahr, mich im Tal der täglichen Sorgen zu verlieren, kann ich nur entgehen, wenn ich mich regelmäßig am Gipfelkreuz frage, ob die Richtung in meinem Leben noch stimmt. Und wenn ich dann am Gipfelkreuz aufgetankt habe, fällt der Abstieg ins Tal auch nicht mehr schwer.
Ob nicht vielleicht die vor uns liegenden Wochen des Sommers die Möglichkeit schenken, solche „Gipfelerlebnisse“ im Glauben zu machen?
Es grüßt Sie herzlich

Ihr

Pfarrer Thomas Witzel