Aktuelles – Allgemein

Beitrag vom 28. Oktober 2018

Vorwort November 2018

Liebe Gemeinde!
1914 und 1945 – Anfangs- und Endpunkt einer düsteren Zeit: 1914 – Beginn des Ersten Weltkrieges, der genau vor 100 Jahren, im November 1918, zu Ende ging und 1945 – Ende des Zweiten Weltkrieges, der im September 1939 begonnen hatte. Dies war eine Epoche millionenfachen Todes, unvorstellbaren Leides, furchtbarer Gräuel.
Über diesen beiden Jahreszahlen sehen Sie auf dieser Seite die Gestalt des auferstandenen Herrn, der gerade dem Grab entsteigt. Das Kreuz in der einen Hand, die andere Hand zum Segen erhoben, einen Fuß auf den Trümmern der Grabplatte. Kommt hier zusammen, was nicht zusammengehört?
Im Gegenteil: Wenn die Dimension des Leids unvorstellbar ist, muss auch die Größe der Hoffnung unvorstellbar sein. Unvorstellbar, aber doch glaubwürdig. Millionen Toten sind Millionen Leben, die umkamen, sind Millionen Einzelschicksale – und jedes Leben liegt Gott am Herzen. Für jedes Leben ist Jesus Christus auferstanden. Die Botschaft des Ostermorgens spricht genau in die Fassungslosigkeit der Kriege hinein, wie sie in die Fassungslosigkeit jedes Sterbens hineinspricht. Wie die Frauen am Grab Jesu die Botschaft „Jesus lebt“ gehört haben, so dürfen wir diese Botschaft an jedem Grab hören: am Grab eines geliebten Menschen genauso wie auf den Soldatenfriedhöfen mit ihren langen Gräberreihen. Wo alles durch menschliche Schuld am Ende ist, macht Gott einen neuen Anfang.
Das Bild des Auferstandenen über den Jahreszahlen 1914 und 1945 ist jedoch nicht nur eine Botschaft der Hoffnung, sondern zugleich auch eine Mahnung. Gott ist ein Gott des Lebens. Er liebt das Leben und besiegt den Tod. Er möchte, dass die Menschen das Leben in Fülle haben. Kein Krieg kann und darf mit Gottes Botschaft des Lebens und der Liebe begründet werden.
Ihr Pfarrer
Thoma Witzel

Beitragsbild: H.Röder

Beitrag vom 24. August 2018

Vorwort September

Liebe Gemeinde!
Seine große Liebe – darauf wartet er 51 Jahre, neun Monate und vier Tage. Als er jung ist, darf er sie nicht heiraten; er ist nur ein kleiner Angestellter. Seine Angebetete aber die Tochter aus reichem Hause. Sie heiratet einen anderen. Und er wartet. Und wartet. Jahr um Jahr. Genau 51 Jahre, neuen Monate und vier Tage. Dann ist sie Witwe und nähert sich ihm wieder. Sie heiraten. Endlich. Und weil alle Welt die beiden Alten seltsam ansieht, wohnen sie dann auf einem Boot und fahren immer hin und her, von Stadt zu Stadt. Und sind selig.
So schön erzählt der Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger Gabriel Garcia Márquez (1927-2014) in seinem Roman „Liebe in den Zeiten der Cholera“ von der Liebe – und der Geduld.
Wie Florentino über 50 Jahre auf seine Liebe zu warten, das wird heute – vermute ich – weitgehend auf Unverständnis stoßen. Denn wir leben in einer Zeit, in der möglichst alles schnell gehen muss. Im Kleinen wir im Großen. Ein paar Minuten an der Supermarktkasse warten – schnell wird Unmut laut, warum nicht mehr Kassen offen sind. In der Wirtschaft wird der kurzfristige Profit immer wichtiger – die nächsten Quartalszahlen müssen stimmen. Auch in der Liebe ist Geduld seltener geworden – werden meine Bedürfnisse nicht erfüllt, schaue ich mich nach einem neuen Partner um. Durststrecken sind nicht vorgesehen.
Warten zu müssen, hat in der heutigen Zeit keinen guten Klang. Das verrät schon die Sprache: Warten geschieht nicht freiwillig, wir eher als Zwang empfunden. Warten zu können oder warten zu dürfen sind Formulierungen, die wir als fremd empfinden. Ich weiß, dass es Situationen gibt, in denen Warten zur Qual werden kann. Das Warten auf eine ärztliche Diagnose zum Beispiel. Und in dem Theaterstück „Warten auf Godot“ wird das Warten geradezu absurd, weil die Wartenden vergessen haben, worauf sie warten.
Doch vieles geht nicht ohne Geduld. Es gibt keine Schönheit ohne Geduld. Man muss (besser: man darf) sich Zeit nehmen, um eine Bild zu betrachten, eine Landschaft zu genießen, eine Musikstück zu hören. Es gibt keine Liebe ohne Geduld. Geduld, Zeit zu haben, aufeinander zu hören; miteinander zu weinen, einander zu stützen. Und es gibt keinen Glauben ohne Geduld. Still zu werden, Bibeltexte auf sich wirken zu lassen, Gottesdienst zu feiern. Lernen wir von Florentino. Es werden keine 51 Jahre, neuen Monate und vier Tage sein, die wir warten müssen, doch Geduld lohnt sich.

Ihr
Pfarrer Thomas Witzel